HANSUELI STETTLER

Die "Alters"frage ist wohl eines der für unsere Gesellschaft aktuell relevantesten gesellschaftlichen Themen. Die zentrale Frage ist dabei die Entwicklung unseres allgemeinen Gesundheitszustands - und daraus folgend die Entwicklung unserer Lebenserwartung. Aktuelle Zahlen aus dem Bundesamt für Statistik lassen aufhorchen: im Jahr 2016 Jahr sind 5.3 % mehr Menschen gestorben als 2014. Das BFS macht die Hitze und die Grippe verantwortlich, was nicht erstaunt: Statistiker sehen aus Tradition vor allem das Bisherige, Gewohnte. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/01/new/nip_detail.Document.199870.pdf und Zahl der Todesfälle auf dem höchsten Stand seit 1918

Einen gewissen, eher kleinen Anteil an diesem Anstieg können diese medizinischen und meteorologischen Ursachen rechtfertigen, die gesamte erkennbare Dynamik ist aber so gross, dass diese Erklärung nicht ausreicht. Die unüblicherweise bereits im Juli publizierte Tabelle - zeigt, dass der Rückgang im letzten Jahr vergleichsweise massiv ist. SRF berichtete nun am 17.5.17 erstmals darüber - mit einem netten Zitat im Titel. Der darin zitierte Experte spricht allerdings von einem vorübergehenden Phänomen...


Sehr viel wird in den Medien vom "Immer-Älter-Werden" geredet, aktuell soll den Männern die Renten gekürzt werden. Der öffentliche Diskurs der letzten Jahre, der schon zu einer grösseren Akzeptanz für die Erhöhung des Rentenalters für Frauen geführt hat, kulminiert nun in einem Angriff auf die Männerrenten. Der Tenor dabei ist immer der gleiche: die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. 

Dies stimmt oberflächlich aufgrund der Zahlen des Statistischen Amts vielleicht nur noch für wenige Monate, nämlich bis zur Publikation der Sterbetabelle im Spätherbst 2016. Der Trend sagt etwas anderes: die Wachstumskurve wurde in den letzen Jahren so flach, dass deutlich wird: nur noch für einige wenige Glückspilze werden wirklich ein sehr hohes Alter erreichen. Leute, die in ihrem Leben möglicherweise speziell gesunde Umweltverhältnisse angtetroffen haben und eine Lebensweise pflegten, die ihre Gesundheit förderte. Für die anderen 7.8 Millionen ist dieses Jahr das Ende der Zuwächse erreicht. Dies gilt nun nicht nur für die Schweiz, sondern auch für andere hochentwickelte Länder - z.B. in den USA sinkt die Lebenserwartung auch bei jungen Weissen, in Deutschland sind die "Zuwächse" minimalst geworden, ebenso in Frankreich..

Unbestritten ist:

1. es gibt heute viel mehr über 100-Jährige als früher, so dass unsere Statistiker ihre Skala auf 110 Jahre erweitern mussten.

2. es gibt proportional heute viel mehr  Menschen im Pensionsalter, was mit der bekannten, "kopflastigen" Alterspyramide zu tun hat: es fehlen die jungen Jahrgänge.

Diese "Alterung" der Gesellschaft ist also demografisch bedingt, die Steigerung der Lebenserwartung seit Beginn der Statistik 1887 verdanken wir hingegen sozialen und medizinischen Errungenschaften.

Beim aktuellen - und leider eher pauschalen - Diskurs über die "steigende Lebenserwartung" muss jedoch einbezogen werden:

Bei jährlich etwa  64.000 Todesfällen in der Schweiz macht es bereits viel aus, wenn auf der Strasse weniger Menschen (hier vor allem Junge) ums Leben kommen, weil z.B. Kampagnen greifen wie die gegen "abgelenktes Fahren" im Jahr 2014. Das Resultat war sehr eindrücklich!

So kann ein beachtlicher Teil der "zunehmenden Lebenserwartung" (dann fast automatisch von allen dazu gedacht: „auch im Alter") letztlich auf ein rein mathematisches Problem der Erfassung und Darstellung von Lebenserwartung zurück geführt werden:

          Die Lebenserwartung wird jährlich aus dem jeweiligen Sterbealter der Bevölkerung errechnet.

Nun zählt stark: je weniger Tote im Verkehr, je besser die Unfallprävention der SUVA, je besser die Versorgung der Neugeborenen, desto höher wird die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung - weil eben weniger Menschen jung sterben. Das ist wunderbar! In den Ostschweizer Kantonen wurden so in den vergangenen 12 Jahren pro 100'000 Einwohner etwa 1000 Lebensjahre "gewonnen":  

  Bild verlorene Lebensjahre unter 70 SG

http://www.statistik.sg.ch/home/themen/b14/gesundzustand/indikatoren/P46.html


Nicht nützlich ist allerdings die Anwendung der These der "höheren Lebenserwartung" in der aktuellen Diskussion der Kosten unserer Altersversorgung, weil eben zurzeit offensichtlich viel weniger junge Menschen sterben als vor einigen Jahren. Diese Jungen - ebenso wie die Zuwanderer - werden aber im Gegenteil später unsere Altersversorgung sicherstellen, siehe hier.

Eine umfassende Darstellung der Thematik würde darum den numerischen Einfluss von Verkehrstoten, die Dynamik im Unfallgeschehen und somit auch das Alter von Verkehrsopfern einbeziehen, siehe hier.

Wenn nur schon jährlich 26 Menschen im Verkehr weniger sterben, wie dies seit 2004 bis 2014 durchschnittlich - und von 2013 auf 2014 auch genau - geschah, und diese z.B. ein durchschnittliches Sterbealter von 40 hätten, wären 2014 nämlich 26 x 43 Lebensjahre (gemitteltes Sterbealter 2014: von m 81, Frauen 85 = ca. 83 Jahre) zusätzlich in die Berechnung des Sterbealters eingeflossen:

Total 1118 Lebensjahre im Jahr 2014!

Diese Zusatz-Lebensjahre - verteilt auf die etwa 64.000 Sterbefälle - lösten 2014 allein schon eine  0.017 Jahre höhere Lebenserwartung "für alle" aus.

 

Einen ähnlich sommerlich/saisonalen Einfluss auf die "Lebenserwartung" haben beispielsweise Ertrinkens-Fälle (jüngere) und Bergunfälle (ältere) und Zweiradfahrer-Unfälle - diese ereignen sich ungleich stärker bei schönem Wetter und gleichen sich von den Altersgruppen her zudem aus. 2015 ist ein eher kleiner Teil der grossen Zahl der Sterbefälle mit solchen Ursachen zu erklären.
Einen wesentlichen (periodischen, d.h.auch mehrjährigen) Einfluss könnte auch die Zuwanderung, respektive die Art der Zugewanderten haben:  Kriegstraumatisierte haben vermutlich eine kürzere Lebenserwartung als junge Arbeitsmigranten. Für qualitativ genauere Aussagen müsste darum wohl ein Indikator für die gesundheitliche Grundverfassung der Migranten erfasst werden.

Die in den letzten Jahren markant verbesserten Anstrengungen der SUVA zur Vermeidung von Betriebs- und Freizeit-Unfällen haben relativ gesehen eine noch frappantere Auswirkung auf die nationale Lebenserwartungsstatistik, weil sie - sehr wirksam – eben primär Menschen im aktiven Erwerbsalter vor dem Sterben bewahren!
Was dann sehr wirksam für die weitere Finanzierung der AHV ist…

Und: die im Prinzip spürbare, starke Verbesserung der Luftqualität leistet ebenso einen positiven Beitrag - die für die Schweiz hochgerechneten 180 Todesopfer wegen der Diesel-Feinstäube wirken sich in der Schweiz nicht als eine akute Zusatzbelastung aus, sondern höchstens als nicht-erreichte Verbesserung: die Sterbefälle an Lungenkrebs und Schlaganfällen, Infarkten gehen im bekannten Ausmass der 90er Jahre weiter. Die vom Bund gemessenen Stickoxid-Werte sanken in den letzten 30 Jahren um 2/3!

Die Fakten und Zahlen

Dazu kontrastiert leider scharf das Bild, das die Lebenserwartungs-Tabellen der BewohnerInnen der Schweiz - ihn eine Grafik umgewandelt - aufzeigt:

Die erste Grafik zeigt die (künftige, prognostizierte) Lebenserwartung pro erreichtes Altersjahr der älteren Schweizer Männer:
Lebenserwartung pro erreichtes Altersjahr der CH Maenner

Die zweite Grafik zeigt die (künftige, prognostizierte) Lebenserwartung pro erreichtes Altersjahr der älteren Schweizer Frauen:
Lebenserwartung pro erreichtes Altersjahr der CH frauen

Die entscheidende Beobachtung:

Während noch vor einigen Jahren, im Zeitraum 1990-2007,eine ziemlich gleichmässige Steigerung der Altersprognose ersichtlich ist, sind in den letzten 5-6 Jahren diese Prognosen stagnierend oder sinken sogar (Männer zwischen 83 und 90, Frauen ab 80).

Eine weitere Verbesserung der Lebensqualität findet bereits ab Alter ab 60 offensichtlich nicht mehr im Umfang der 90er Jahre statt, die Kurven werden tendenziell horizontal:

Bei Männern  im Alter 60 – 79 ist der Zuwachs heute noch schwach vorhanden:
Lebenserwartung nach Alter maenner

 Bei Frauen im Alter 60-79 ist der Zuwachs in den letzten Jahren faktisch zum Stillstand gekommen:

Lebenserwartung nach Alter frauen
 (Grafiken: aus der ESTA-EXEL-Tabelle 2014 generiert)

 Und in der Stadt Zürich ist gemäss TA vom 3.3.17 eine ganz grosse Gruppe älterer Frauen innert der letzten Jahre "verschwunden" - wohl nicht in Altersheime aufs Land.

Die Entwicklung der künftigen Lebenserwartung pro Altersgruppe zeigt darum eine interessante Dimension:

Ein paar wenige Schweiz-Bewohner werden sicher ein biblisches Alter von hundert und mehr Jahren erreichen...
Das darf alle anderen nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die sehr grosse Mehrheit unserer Bevölkerung eindeutig mit 80 – 90 Jahren die Stunde schlägt.
Und die gezeigte dramatische Entwicklung darf nicht den Sterbehilfe-Organisationen angelastet werden, weil sie nur einen verschwindend kleinen Anteil an den Sterbefällen mit vernachlässig kleiner Reduktion an Lebenswochen vor dem "natürlichen" krankheitsbedingten Toden begleiten. 

Beachtung finden sollte auch die Tatsache, dass die Aufenthaltsdauer von Menschen in Alterspflegeheimen immer kürzer wird, wie das BFS im November 16 mitteilt. Und dass dort die Lebensqualität durch die elektronische Aufrüstung offenbar auch nicht zum besten steht, wie der Tages-Anzeiger schreibt. Was dazu führt, das die "Lebenserwartung bei guter Gesundheit" nun sinkt.

Der öffentliche Diskurs zur Rentensenkung muss darum dringend die absoluten Zahlen bei den Rentenempfängern nach Alterskohorten aufzeigen.

Und erst daraus wäre dann eine differenzierte, langfristige Strategie zur Rentenfinanzierung abzuleiten.

Weil diese Differenzierung zurzeit nicht geleistet wird, zeigt sich deutlich, dass ein weiterer Angriff auf unser Rentensystem im Gang ist.

In der Mitteilung des Bundesamts für Statistik vom 31.3.17 wird dafür ersatzweise von der weltweit höchsten Lebenserwartung in der Schweiz mit den Tabellen bis 2013 fabuliert. Merke: wer eine Statistik sanft trimmen will, wähle einen Untersuchungszeitraum aus, wo Aussagen gut aussehen, aber niemand auf dumme Gedanken kommt.  Die aktuellste Kurven vom 28.9.17 zeigen, dass nur noch die Männer leichte Zuwächse haben:

 Lebenserwartung CH 2017

Der bedenklich stimmende Schluss muss daraus ebenfalls gezogen werden:

Die Gesundheitsqualität im Alter nimmt in der Schweiz seit wenigen Jahren - verglichen mit der Zeit um das Jahr 2000 - stark ab.

Wenn wir annehmen, dass alle unsere Bemühungen in der Alters-Pflege in den letzten knapp 10 Jahren gleich wirksam geblieben sind, gibt es offensichtlich eine gegenüber früher starke Verringerung der Vitalität, was sich in der äussert schwachen Zunahme, respektive sogar baldigen Abnahme der Lebenserwartung unserer Betagten klar ausdrückt.

Dies ist ein wichtiger Trend, der sich hier in nackten Zahlen - und aussagekräftig auch für alle fast 150'000 Heimplätze - zeigt.

Wie unter diesem Aspekt unsere demografischen Modelle aussehen müssten?

Es geht immerhin um unsere gesamte Vorsorge- und Gesundheitspolitik, den Bau von immer spezifischeren Altersinfrastrukturen!

Die simple Fortschreibung der Trends, wie sie heute gepflegt wird, wird jedenfalls zu gröberen Fehlannahmen führen.

Und hier noch der Text, den U.P.Gasche von Infosperber Mitte November 2016 - nach einem Vierteljahr "Reifung" des Themas - aus diesen Informationen erstellte. Immerhin: er hat wenigstens darüber berichtet. Alle anderen wichtigen Medien in der Schweiz (NZZ; TAMedia; SRG,....) haben verzichtet, auf meinen Hinweis zu reagieren....

Submit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn